Der grosse Bruder, der Bruder,
die Schwester, die kleine Schwester /
2009
HD Video, single channel, 16:9, colour, sound,
23 min 34 sec, German, English subtitles
Text EN / DE

DER GROSSE BRUDER, DER BRUDER,
DIE SCHWESTER, DIE KLEINE SCHWESTER
2009

“Der grosse Bruder, der Bruder, die Schwester, die kleine Schwester” (2009) focuses on the process of recollection and the retelling of a family saga, as seen in her previous film project “Das Haus” (2008). Four elderly actors gathered in a recording studio each take the part of one of the siblings and read their individual memories of a shared childhood. The sparse language, combined with the recording situation, creates an emotional distance to the childhood experiences. Events from the four monologues are linked together from changing perspectives and reveal the pitfalls of a bourgeois family. In the film, Thüring examines family relationships which could represent our grandparents’ generation: the social roles of man and woman, father and mother are as central to the film as the children’s roles: all are shaped by social expectations, feelings of responsibility, dependence and gender specific behaviour. The act of speaking breaks the taboo of silence, which had sustained the fragile family ties until now. The siblings, however, do not talk to each other, rather the viewer himself plays a part and has to establish his personal position and his own take on events.

Simone Neuenschwander, Kunstbulletin, Switzerland

DER GROSSE BRUDER, DER BRUDER,
DIE SCHWESTER, DIE KLEINE SCHWESTER
2009

“Der grosse Bruder, der Bruder, die Schwester, die kleine Schwester” (2009) ist der Titel des Films von Lena Maria Thüring, der, wie bereits in der Filmarbeit “Das Haus” von 2008, den Vorgang des Erinnerns und das Nacherzählen einer Familiengeschichte aufnimmt. In einem Tonstudio lesen vier ältere Schauspieler in den Rollen von Geschwistern jeweils deren individuelle Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit vor. Die Aufnahmesituation mit dem Mikrofon sowie die knappe, lakonische Sprache schaffen dabei eine Distanz zu den Erlebnissen der Personen. In wechselnden Perspektiven werden aus den vier Monologen Ereignisse miteinander verknüpft, welche die Abgründe einer gutbürgerlichen Familie aufdecken. Thüring untersucht im Film ein familiäres Verhältnis, das exemplarisch für die Generation unserer Grosseltern stehen könnte: Die gesellschaftliche Rolle von Frau und Mann als Mutter und Vater rückt genauso ins Zentrum wie diejenige der Kinder, die von gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, Verantwortungsgefühlen, gegenseitiger Abhängigkeit und geschlechterspezifischem Verhalten geprägt ist. Im Film wird durch den Akt des Sprechens das Tabu des Schweigens gebrochen, welches dieses labile Familiengefüge aufrechterhalten hat. Gleichzeitig reden aber auch die Geschwister nicht miteinander – vielmehr erhält der Betrachter selbst eine Rolle, in der er seine eigene Position und Interpretation zum Geschehenen finden muss.

Simone Neuenschwander, Kunstbulletin, Schweiz